Südosttürkei

Benim Sala döste und ließ sich weder durch das dauernde Fluchen noch die Hitze stören. Jussufs Spiel schien nicht so gut zu laufen. Das Smartphone vibrierte und sie hörten die Melodie von „Singing in the rain“. Warum hatten sie nur dieses unsägliche Klingelzeichen installiert bekommen? Jussuf Diar schaute auf das Display: „Do it“. Das vereinbarte Startsignal! Jetzt hatten sie genau eine halbe Stunde Zeit. Sie öffneten ihre Mappe, und als sie vor dem kleineren der beiden Container hinten am Peugeot standen, lasen sie: „Sicherheitsbehälter, Code 348756“ Benim gab die Nummer auf dem Display des Behälters ein. Die Klappe öffnete sich und auf einem kleinen Bildschirm stand: „Den Lieferwagen in 00:29:12 Stunden an der markierten Stelle abstellen.“ Außerdem lag dort eine weitere Mappe. Darin befand sich der Lageplan eines rechteckigen Gebäudes mit einer Beschreibung, die einfach, aber präzise verfasst war. Während des Lesens merkten sie beide, dass ihr Puls sich beschleunigte.

„Was ist das hier für ein Job?“ Jussuf war offensichtlich doch nicht so abgebrüht, wie er immer behauptete. Benim grinste in sich hinein und dachte an seine Aktionen in Syrien. Viele seiner Freunde dort waren fasziniert von der Mischung aus Erfolg und Gewalt. Von ihrer plötzlichen Macht. Macht über andere ausüben, statt in der eigenen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dafür war er nicht empfänglich. Deshalb war er gegangen. Und auch manche seiner Kollegen würden eines Tages jammernd zurückkommen. Wenn überhaupt.

„Merkwürdig. Aber gut bezahlt.“

„Was meinst du wohl, was wir in dem Lieferwagen transportiert haben? Mit Drogen will ich eigentlich nichts zu tun haben.“

„Falsche Richtung“, antwortete Jussuf trocken.

„Wieso falsche Richtung?“

„Drogen gehen Richtung Westen.“

Sie schwiegen eine Weile und prägten sich die Details ein. Jussuf war nicht im Geringsten beruhigt. „Müssen wir die Sache hier abbrechen?“

„Bist du des Wahnsinns? Das ganze Geld in den Wind zu schießen?“ Benim war sonst eher der Vorsichtigere. Aber beim Geld hörte das Zaudern auf. „Was soll denn bitte schön passieren? Wir stellen…“ er schaute auf seine Uhr, „in genau 26 Minuten diesen wunderschönen alten Lieferwagen vor einem Gebäude ab. Setzen uns dann in deinen Luxusschlitten und düsen Richtung Westen.“

Er schaute seinem Partner tief in die Augen, deutete auf den Offroader und stieg selbst in den Peugeot. Dann befolgten sie genau die Anweisungen. Ließen die Wagen die nächsten Minuten langsam laufen, um nicht zu früh am Ziel anzukommen. Nach etwa zwei Kilometern sah Jussuf das allein stehende Gebäude mitten in dieser Einöde. Es sah aus wie ein kleines Betriebsgebäude mit Aggregaten davor. Er schätzte die Entfernung ab, um seine Geschwindigkeit an den gesetzten Termin anzupassen. Während die beiden Wagen gleichmäßig und langsam auf das Gebäude zufuhren, nahm er einen schmutzigen Lappen vom Fußboden auf und begann, alle Flächen abzureiben, die er in den letzten drei Tagen meinte berührt zu haben. Er wusste selbst nicht, warum er das tat. Er hatte auch nicht die geringste Ahnung, ob diese Aktion irgendetwas half. Er glaubte nicht, dass jemand seine Fingerabdrücke archivierte. Vorsichtshalber mied er einige Länder. Er würde zum Beispiel niemals in die USA reisen. Aber das hatte auch andere Gründe.

Ein hoher Drahtzaun war jetzt zu erkennen. Er umschloss das gesamte Anwesen. Wie beschrieben führte der Weg etwa zweihundert Meter südlich des Gebäudes entlang. Jussuf bedeutete Benim, an der Abzweigung zu warten, und fuhr die letzten Meter allein. Es war nicht besonders schwierig, den Peugeot an der angewiesenen Stelle zu parken. Er wischte noch einmal nahezu liebevoll mit dem Lappen über die zuletzt berührten Stellen. Das dicke Rohr, das direkt vor ihm hinter dem Zaun aus dem Boden kam, führte direkt in das Gebäude. Er zog den Schlüssel ab, stieg aus, ließ die Tür vorsichtig zuschwingen und schloss ab. Jussuf schaute auf sein Smartphone, auf dem synchron zum Display im Kofferraum die Zeitanzeige rückwärts lief. 00:02:04 Uhr. Vier Sekunden lang blieb er stehen. Dann dachte er sich: „Zwei Minuten Sicherheit sind bestimmt nicht schlecht!“ Auch wenn er sonst immer supergenau in allem war, was er tat. Das war ihre Firmenphilosophie.

Benim erwartete ihn ungeduldig und sie fuhren zügig los, wie es in der Anweisung gestanden hatte. Die Staubschwaden hinter dem Offroader wurden immer dichter, weil der Untergrund der Piste so sandig war. Deshalb konnten sie auch nicht viel sehen, als sie den dumpfen Knall hörten.    zurück