Wien

Ignacio Belli war zunächst von einem Zufall ausgegangen, als er Mex in Wien traf. Erst später wuchs in ihm der Verdacht, dass ihr Treffen arrangiert war. Sie waren eine Nacht lang durch Kneipen gezogen und konnten in einer Art offen zueinander sein, wie er es davor nie erlebt hatte. Vielleicht lag es auch daran, dass Mex etwas in ihm ansprach, das bedient werden musste. Er suchte eine neue Herausforderung und sein Gegenüber hatte ein feines Gespür für seine Neigungen und Qualifikationen. Ihre Gespräche waren zunächst unkonkret. Dennoch wussten sie beide, um was es ging. Es klang nach absurden Kneipenspinnereien. Und doch fühlte es sich so real an, als ob sie Lagebesprechungen abhielten, konspirative Projekte ausheckten. Kurz formulierte Aufgabenstellung von Mex. Und Ignacio lieferte ihm die Lösung. Stichpunktartig. Wie ein Drehbuch, mit Zeitfenster, Ziel und den anfallenden Kosten. Wow! Das war sein Ding! Nicht mehr selbst am Drücker, sondern Organisator. Puppen tanzen lassen für die Ziele eines Auftraggebers mit Format. Es fühlte sich an wie Zuhause ankommen, seinen wahren Talenten nachgehen zu können. Sie spannen die Szenarien weiter. Mex schwärmte davon, wie einfach es wäre, die richtigen Leute zu finden. Es gab sie alle. Hungrig. Ständig auf der Suche nach einer Aufgabe. Perfekt ausgebildet an den unzähligen Krisenherden dieser Welt. Dann war er plötzlich vorbei, der Konflikt. Blauhelme oder sonstige Gutmenschen wollten ihnen vormachen, dass jetzt ein neuer Abschnitt begänne. Aber in Wirklichkeit wurden sie im Stich gelassen. Arbeitslos. Keine Aufgabe mehr. Welch ein fantastisches, brach liegendes Potenzial! In der Nacht veränderten sie in ihren Gesprächen virtuell die Welt: In mindestens vier Ländern verursachten sie Krisensituationen, die für den Sturz des jeweiligen Regimes ausreichend waren. Gezielte Aktionen gegen Industriebetriebe zählten ebenso dazu wie die Demontage wichtiger Protagonisten der Gesellschaft. Das Ganze absolvierten sie ohne Mord, ganz clean. Besondere Freude verursachte Mex die Vorstellung, Politiker unter Druck zu setzen. Szenarien zu entwerfen, mit denen sie erpressbar wurden. Ihnen die rettende Hand zu reichen, um sie aus dieser Situation zu befreien. Gegen eine kleine Gefälligkeit natürlich! Oder sie fallen zu lassen! In den frühen Morgenstunden begleitete Ignacio Mex in ein Bordell. Zunächst unwillig und entschieden gegen seine Überzeugung. Aber dann wurde es so leicht. Eine Ekstase, die er sich nie hätte vorstellen können. Zugleich eine Verbrüderung und endgültige Verschwörung. Am nächsten Spätnachmittag sahen sie sich das vorletzte Mal. Zum Abschied schwebte der ewig gleiche Satz, der ihn schon sein ganzes Leben begleitete. wie ein Damoklesschwert über ihm. Mex schaute ihn an. „Enttäusch mich nicht, Igo!“    zurück